Es ist ja nur ein Tuch

Da hat ein Berliner Gericht einen Zahnarzt zu einer Entschädigung verurteilt, weil er von einer Stellenbeweberin verlangte, dass sie ohne Kopftuch arbeiten solle. Das Kopftuch stelle keine Sicherheitsprobleme in einer Zahnarztpraxis dar, sagte das Gericht. Auch dass viele Musliminnen das Kopftuch nicht als notwendig erachten, gilt nicht, weil es um die persönliche religiöse Identität der Betroffenen gehe.
Die Antidiskriminierungsverantwortlichen sind erfreut über das Urteil. Ich halte es eher für einen typische Pyrrhussieg. Die Sache kam erst in rollen, weil der Zahnarzt die Frau wirklich einstellen wollte und noch einmal nachgehakt hatte. Nun wird, wer Vorbehalte gegen Frauen mit Kopftuch hat, dieses beim Bewerbungsgespräch gar nicht erwähnen und einen anderen Ablehnungsgrund vorschieben. Oder, was noch schlimmer wäre, Bewerberinnen mit „verdächtigen“ Namen – türkisch oder arabisch – werden gar nicht mehr eingeladen. So schadet die Sache vielen Frauen, die kein Kopftuch tragen oder bereit wären, es zur Arbeit abzunehmen. Der Sieg der einen, wird so zu einer Niederlage für viele andere.
Jetzt ein gewagter Sprung. Angenommen ich trüge ein Kopftuch, ein Piratentuch, um meine Zugehörigkeit zu den Jüngern des Fliegenden Spaghetti Monsters zu demonstrieren:

In der Schweiz gibt es (noch) keine entsprechenden Urteile und an meiner jetzigen Stelle hätte ein Kopftuch keine Bedeutung. Aber was, wenn ich am Schalter einer Bank arbeiten würde? Ginge hier die religiöse Identität auch vor? Würde ein Gericht einem FSM-Anhänger diese absprechen? Und überhaupt, warum muss man mit Religion begründen, wie man sich kleiden will? Man hat doch in erster Linie als Mensch eine Identität, eine Persönlichkeit. Und wenn es nur auf diese ankommt, wie es das Berliner Urteil vermuten lässt, kommt es auch nicht darauf an, was der Rest der Menschheit denkt.
Ich habe weder die Möglichkeit, noch die Lust dazu, so etwas auszuprobieren. Aber ich bin gespannt, wann der erste Bankangestellte vor Gericht zieht.
Wiki zum Pyrrhussieg
Der Artikel auf Spiegel-Online
Ein Interview auf Info-Sperber

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