Der Nachtzug im Bild

Wenn ich mir eine Romanverfilmung anschaue, denke ich immer daran, was Umberto Eco zu Jean-Jacques Annaud gesagt habe soll, als dieser „Der Name der Rose“ verfilmt hat: „Mach was du willst, du kannst mich nur betrügen“.
So gibt es zu dieser Art Film meist nur zwei mögliche Kritiken. Entweder entfernt er sich zu sehr vom Buch, oder er hält sich allzu fest daran. Bei Bille Augusts „Nachtzug nach Lissabon“ herrscht letztere vor. So wollte ich mir ein eigenes Bild machen.

Wenn jemand einen Roman zu einem Drehbuch umschreibt, gilt es wohl als erstes mindestens die Hälfte der Handlung und der Personen raus zu streichen. Was man hier aber nicht rausstreichen konnte, ist, dass wiederum ein Buch eine Hauptrolle spielt. Aus diesem Buch wird vorgelesen und während man den Text hört müssen Bilder her. Schöne Bilder, die aber nicht vom Text ablenken. Das ist für den unvorbereiteten Zuschauer sicher langweilig. Ich war nicht unvorbereitet und freute mich über jedes schöne Bild von Lissabon.
Andererseits hatte ich das Buch nicht mehr so präsent, dass mir gleich jede Änderung aufgefallen wäre. Die Sache mit der Sprache natürlich schon. Der Gymlehrer Gregorius kann im Buch kein Portugiesisch. Er nimmt Lektionen in Lissabon und führt die Gespräche auf Französisch. Der Film ist hingegen einsprachig, Gregorius hat keine Sprachbarrieren. Das ist auch der Grund, warum ich mich für die synchronisierte Version entschieden habe. Es ergibt für mich keinen Sinn, einen englisch gesprochenen Film, wo die Hälfte der Darsteller nicht englische Muttersprachler sind, als „Originalversion“ zu betrachten.
Was mir gefiel, war, dass die Rolle der potentiellen Selbstmörderin, die Gregorius auf der Kirchenfeldbrücke rettet, aufgewertet wurde. Gregorius findet das Buch des Amadeo de Prado in ihrem Mantel und sie taucht am Schluss noch einmal auf und erklärt sich. Denn, auch wenn das geheimnisvolle Buch eher ein Philosophiebuch als eine Autobiographie ist, dreht sich die Geschichte in erster Linie um das Leben in der Salazar-Diktatur. Amadeo ist als Sohn eines Richters Teil des Systems, aber durch seine Freunde auch Teil des Untergrunds. Im Film ist dies aber nur ein Teilaspekt und das gefällt wohl vielen Kritikern nicht.
Ebenfalls aufgewertet wurde die Liebesgeschichte von Amadeo und der Verschwörerin Estefania – das entspricht dem Buch – aber auch eine zwischen der Optikerin Mariana und Gregorius wird angedeutet. Es ist die Szene auf dem Plakat, die andeutet, er würde in Lissabon bleiben. Ein Hauch von Happy-End, dem Kinopublikum geschuldet, dem man kein trauriges Ende zutraut, denn im Buch fährt Gregorius nach Bern zurück um einen Tumor untersuchen zu lassen.

Am ersten Abend sitzt Gregorius auf der selben Terrasse, die auch ich an meinem ersten Tag in Lissabon erklommen habe. Beim Anblick dieses quasi vertrauten Panoramas war ich in der richtigen Stimmung. Der Film hat natürlich das Buch betrogen, aber nicht mich.

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